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Ambulanzdienst Transalp 2010

Sanitätsbetreuung beim Transalp-Radrennen mit ASB UnterstützungBerg- und Talfahrt  Die Jeantex-Tour-Transalp für Rennradfahrer ist eine außergewöhnliche Sportveranstaltung. Sie dauert eine Woche und führt auf öffentlichen Straßen von Süddeutschland durch die Alpen nach Norditalien. Die Organisatoren der medizinischen Betreuung stellt das vor besondere Probleme. Wir haben die Sportler und ihr Rescue-Team begleitet. 


Das Hahntenjoch im österreichischen Bundesland Tirol. Auf der Passstraße in Richtung Imst flitzen mal einzeln, mal im Pulk sirrend Rennradfahrer bergab. Etwas abseits stehen zwei Motorräder. Hoch aufgepackt mit dicken Koffern und Gepäckrolle, sehen sie wie auf großer Urlaubsfahrt aus. Fahrer wie Fahrerin scheinen sichtlich die warme Sonne zu genießen. Durch die Bäume geht der Blick weit in das breite Tal des Inns. Das Radrennen interessiert sie scheinbar nur am Rande. Die leuchtroten Warnwesten mit dem Aufdruck „Rescue-Team“ lassen aber erahnen, dass sie etwas mit den Sportlern zu tun haben dürften. Spezialisten für RadrennenAugenblicke später verfliegt jeder Zweifel: „Hey, there’s a crash four kilometers before“, ruft einer der vorbei sausenden Rennradfahrer den Motorradfahrern zu. Schlagartig erwachen die beiden Motorradbiker aus ihrer Entspannung. Ein kurzes Telefonat mit dem Handy, dann schwingen sie sich auf die schweren BMWs, wenden routiniert auf der engen Passstraße und röhren mit Vollgas die Straße bergauf.Einsatz für das Rescue-Team.„Seit sieben Jahren übernehmen wir mit dem Rescue-Team die medizinische Betreuung von Radrennen“, berichtet Notarzt Sebastian Zimatschek, Anästhesist und Leiter des Teams. „Die Transalp, also das Radrennen über acht Tage quer über die Alpen liegt uns besonders am Herzen.“Ohne Herzblut lässt sich diese Veranstaltung vermutlich auch nicht stemmen - oder nur mit einem beträchtlich größeren Budget. Denn der Aufwand für Logistik ist erheblich. Ebenso die Belastung für die Helfer.Was anfänglich im Jahr 2003 mit 600 Teilnehmern begann, wuchs wegen der attraktiven Streckenführung und der perfekten Organisation schnell zum Mega-Event. „Seit dem Jahr 2005 mussten wir die Zahl der Teilnehmer auf 1200 limitieren“, bedauert Uli Stanciu, Chef-Organisator und Race-Director der Transalp. „Und die Startplätze sind innerhalb kürzester Zeit vergeben.“ Die aufwändige Organisation der Strecke, die Genehmigungen der Staats- und Landesregierungen, Gemeinden und Behörden beginnt zirka zehn Monate vor dem Start. Mit dabei sind rund 120 Helfer im Organisationsteam und 40 Helfer pro Tag aus den jeweiligen Etappenorten.„Obwohl das Radrennen als reine Amateurveranstaltung ausgeschrieben ist, fahren die Spitzenteams mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 35 Kilometer pro Stunde“, rechnet Anästhesist Dr. Wolfgang Kern vor. „Wohl gemerkt, Tagesetappen mit bis zu 130 Kilometer über mehrere Alpenpässe und 3500 Höhenmeter. Die Spitzenfahrer sind wirklich schnell unterwegs“.Was tun, wenn ein Teilnehmer vermisst wird?Da kann viel passieren. Eine Horrorvorstellung für Veranstalter und Rescue-Team ist zum Bespiel ein vermisster Radfahrer. Darum besteht die ausdrückliche Weisung, wer aus der Veranstaltung aussteigt, wer aufgibt, hat sich bei den Offiziellen abzumelden. „Denn wenn ein Teilnehmer fehlt wird der gesucht, bis er gefunden ist“, erklärt Notarzt Zimatschek.Nicht nur theoretisch besteht die Möglichkeit, dass ein Radfahrer über steile Hänge in eine Schlucht stürzt und dort verletzt und hilflos nicht sofort gefunden wird. „Das ist zwar zum Glück noch nicht vorgekommen“, erinnert sich Zimatschek, „aber durchaus denkbar.“ In den Anfängen der Transalp hatten schon Teilnehmer unterwegs aufgegeben und im Hotel am Straßenrand eingecheckt - was dann eine lange und aufwändige Suchaktion zur Folge hatte.„Wir begleiten die Transalp mit zwei Rettungswagen und drei Zweier-Teams auf Motorrädern“, erklärt Notarzt Hein Schnell die Einsatztaktik. „Auf den Motorrädern haben die Teams das gesamte Notfall-Equipment in den Koffern und Rucksäcken dabei.“ Die beiden RTWs werden vom Münchner Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und der H&P Ambulance aus München zur Verfügung gestellt. Mit dabei ASB-Rettungsassistent Michael Kunzmann und H&P-Geschäftsführer Harald Praast.Die Motorrad-Teams verstauen das komplette Notfallequipment inklusive Sauerstoffflaschen in den Seitenkoffern und Notfallrucksäcken auf dem Gepäckträger. „Da bleibt nur wenig Platz für persönliches Gepäck“, bedauert Birgit Schießl, Intensivschwester und Motorradretter. Die Taschen mit dem Übernachtungsgepäck werden daher mit einem der Organisationsfahrzeuge von Etappenort zu Etappenort transportiert.Fahrende Schikane oder Schutzengel?Der erste Rettungswagen fährt im vorderen Feld mit, der zweite hält sich im hinteren Drittel auf. Mit den Motorrädern sind die Rescue-Teams sehr schnell, fast immer schneller als der örtliche Rettungsdienst, am Notfallort. Bis der angeforderte RTW nachkommt, sind die Teams jedoch auf sich allein gestellt. „Bislang hatten wir zum Glück noch keinen Massensturz“, berichtet Zimatschek. Doch wir sind sicher, dass wir mit dem flexiblen Einsatzkonzept auch einen solchen Einsatz beherrschen würden.“Voraussetzung für die Motorradteams ist dementsprechend große Erfahrung in Notfallmedizin und perfekte Beherrschung des Motorrades, auch in Stresssituationen und auf schwierigen Strecken. Im Pulk der Fahrradfahrer kann es mitunter sehr eng werden - und besonders bergab sehr schnell. „Die Spitzengruppe fährt die großen Alpenpässe mit Geschwindigkeiten über 100 km/h hinunter“, erinnert sich Notarzt Dr. Oswin Czerwinski. „Und du als Motorradfahrer musst dann mithalten können, sonst bist du als fahrende Schikane unterwegs.“Die Alarmierung erfolgt über Handy, da sich aufgrund der geologischen und politischen Gegebenheiten ein Funkverkehr nicht realisieren lässt. Doch auch das GSM-Netz für die Handys ist nicht lückenlos, wie die Einsatzkräfte aus Erfahrung wissen. Beispielweise am Hahntenjoch.„Auf der Abfahrt vom Hahntenjoch haben wir ein bekanntes Funk- und GSM-Loch“, erklärt Zimatschek. „Also stationieren wir einen Rettungswagen auf der Passhöhe, dieser ist dank unserem österreichischen Notfallsanitäter Horst Maier mit einem digitalen Funkgerät ausgerüstet, und weiter unten, wo das GSM-Netz wieder funktioniert, steht ein Rescue-Team.“ Als Ultima Ratio sozusagen sind noch zwei Satellitentelefone mit an Bord. Denn das Rescue-Team ist immer erreichbar.Zertrümmerter Helm zeugt von Wucht des SturzesUnd damit zurück zum Anfang, was ist aus dem Einsatz für das Rescue-Team geworden? Dr. Sebastian Sepp, im Alltag Unfallchirurg und Notarzt, sowie Intensivschwester Andrea Kowitzke fahren äußerst vorsichtig gegen die abfahrenden  Fahrradfahrer bergauf. Nach rund vier Kilometern - fünf Minuten nach dem Crash - kommen sie am Unfallort an. Ersthelfer kümmern sich schon um den gestürzten. Er ist bei Bewusstsein, zahlreiche Schürfwunden und der zertrümmerte Helm zeugen von der Wucht des Sturzes.Die Motorradkoffer und der Notfallrucksack werden geöffnet, es folgen Bodycheck, das Anlegen einer Zervikalstütze, das Legen einer Infusion und die Schmerztherapie. Die Streckenposten, ebenfalls mit dem Motorrad im Feld unterwegs, sichern die Unfallstelle und bremsen die abfahrenden Rennradfahrer. Wenige Minuten später erreicht der Rettungswagen des Rescue-Teams die Einsatzstelle. Weitere Versorgung durch die Besatzung des RTW. Barbara Zimatschek, Anästhesistin und Notärztin, sowie Notfallsanitäter Horst Maier bilden das Team. „Dachte ich bei der Anfahrt, wir würden fliegen“, erinnert sich Notärztin Zimatschek, „hatte ich bei der Abfahrt mit dem Patienten das Gefühl, wir schweben.“Per Digitalfunk alarmiert, landet der österreichische Rettungshubschrauber „Christophorus 5“ einige Kilometer weiter auf einer engen Waldlichtung an der Passstraße und übernimmt den Patienten. Für Start und Landung des Hubschraubers wird das Feld der Radfahrer gestoppt.Als Ursache für den Sturz wird später ein geplatzter Vorderreifen vermutet. Gerade bei der Abfahrt werden die Felgen der Rennräder durch das Bremsen extrem erhitzt und können die schmalen Rennreifen zum Platzen bringen. Nach einigen Wochen kann der Patient ohne Folgeschäden aus dem Krankenhaus entlassen werden. Wie sich herausstellte, hatte er bei seinem Sturz mehrere Frakturen davongetragen.„Hier hat sich unser Konzept bewährt. Wir waren vermutlich deutlich schneller als der öffentliche Rettungsdienst“, zieht Zimatschek zufrieden Bilanz.Doch auf der Strecke sind nicht unbedingt chirurgische Einsätze vorherrschend. Ebenso oft werden die Retter für Erschöpfungszustände und Muskelkrämpfe in Folge von Mineralstoffmangel gerufen. „Sehr beliebt bei uns sind Magnesium-Tabletten gegen Krämpfe und das Schmerzmittel Voltaren“, scherzt Zielärztin Prisca Drews.Im Ziel ist nicht SchlussIm Ziel ist die Arbeit für das Rescue-Team noch lange nicht zu Ende. Die Zielmannschaft des Rescue-Teams, bestehend aus Ärzten und Rettungsassistenten, wird Initial durch die Mannschaft des ersten RTWs verstärkt. Das Medicalcenter unter einem Stoffpavillon oder in einem Nebenraum der Veranstaltungshalle, ist gerade nach der Zielankunft Anlaufstelle für erschöpfte und hilfsbedürftige Rennradfahrer. „Wir sind rund um die Uhr erreichbar“, erklärt Sonja Michalke, Allgemeinmedizinerin und eine der Zielärztinnen. „Also auch, um zwei Uhr nachts“.Die Palette der medizinischen Versorgung ist breit. Vom durch Regenschauer unterkühlten Fahrer über Herzrhythmusstörungen bis zu multiplen Schürfwunden reicht das Spektrum. Aber auch Magen-Darm-Erkrankungen unklarer Ursache, Abszesse und natürlich der berüchtigte „Wolf“ – schmerzhafte Scheuerstellen an den Kontaktflächen zum Sattel – gehören zum Versorgungs-Alltag. Und der routinemäßige Verbandwechsel nach Schürfwunden.„Die Teilnehmer entwickeln manchmal erstaunliche Steherqualitäten“, erinnert sich Zielärztin Dr. Jonna Feyertag-Leidl. „Es gab mal einen Teilnehmer, der hatte sich den Spitznahmen „Die Mumie“  erlitten.“Mit zum Repertoire der Mitglieder des Rescue-Teams gehören nicht nur sehr hohe Sozialkompetenz und Teamfähigkeit, sondern auch Entertainer-Qualitäten. Denn gerade schwere Stürze und echte Rettungseinsätze führen ohne gezielte und beruhigend geleitete Informationen schnell zu unkontrollierbaren Gerüchten innerhalb des Starterfeldes. Also steht Sebastian Zimatschek des Öfteren auf dem Podium vor über tausend Teilnehmern und referiert über den Einsatz des Rescue-Teams.Die Organisations-Crew ist mit der Rennleitung und dem Rescue-Team noch nicht komplett. Es fehlen die Streckenposten, die sogenannten Marshalls. Sie stehen an allen Abzweigungen und gefährlichen Stellen wie Kreisverkehr oder Bahnübergängen – und Unfallstellen. Erkennbar an den gelben T-Shirts, leuchtgrünen Warnwesten und Signalfahnen. Sie sind ebenfalls mit dem Motorrad im Feld der Radfahrer unterwegs.Verborgen im Hintergrund arbeiten noch eine ganze Menge Leute. Denn die Transalp zieht eine Woche quer durch die Alpen von Süddeutschland nach Norditalien, jeden Tag hundert Kilometer weiter. Jeden Tag am Startort Abbau, Aufladen, unter erheblichem Zeitdruck an den Zielort hetzen und dort wieder Aufbauen. Das Gepäck der Teilnehmer wird in Lastwagen vom Start zum Ziel transportiert. Unterwegs müssen mindestens zwei Verpflegungsstationen für alle Aktiven, Teilnehmer und das Organisationsteam eingerichtet werden.„Hier zeigt sich der echte Geist der Veranstaltung“, schildert Zimatschek. „Bei großem Andrang von Fahrradfahrern, die alle gleichzeitig ihre Trinkflaschen auffüllen möchten, unterstützt jeder jeden.“ Insofern wird man hier auch den Notarzt beim Flaschenauffüllen sehen und den Streckenposten am Würstelgrill beobachten können.Quelle: Rettungs-Magazin 4 Juli/August 2010Autor: Helmut Stark (Jg 1960), Rettungsassistent, Einsatzleiter Rettungsdienst, Dozent an einer RD-Schule, freier Journalist (Text und Fotos) Artikel bezieht sich auf das Rennen 2009