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„Das Erdbeben hat unser Land um 50 Jahre zurückgeworfen“

Das Sahid Memorial Hospital sieht schon von außen nicht einladend aus. Aber was wir sehen, als wir den Innenhof betreten, lässt uns den Atem stocken: Auf Matratzen liegen Patienten unter Planen, einige hängen an Infusionsbeuteln. Die Fliegen schwirren. Eine ältere Frau mit einem Gipsbein liegt unter Decken, ein junger Mann fächert ihr Luft zu. Die Leidtragenden aus den Dörfern werden im Freien behandelt, denn das gesamte Krankenhaus hat Risse. Es sind herzzerreißende Szenen. Nicht nur mir werden die Augen feucht.


Die 50-jährige Mankumari war unter den Trümmern ihres Hauses begraben. Sie wurde gerettet und drei Tage nach dem fatalen Erdbeben per Helikopter in die Klinik gebracht. "Wir kümmern uns hier um sie", sagt die junge Krankenschwester Sarada: "Aber was sie macht, wenn sie entlassen wird, weiß niemand. Denn sie hat keine Angehörigen mehr." Mankumari hat Glück. Seit einigen Tagen kümmert sich die Studentin Pratima (23) rührend um sie und weitere fünf Patienten der Klinik. Sie bringt ihnen Essen und lässt sie später in ihrer Wohnung übernachten. Eine andere Klinik etwa verteilt deshalb Startpakete mit einer Plane, Reis und den notwendigsten Utensilien an Menschen, die aus dem Krankenhaus in die Obdachlosigkeit entlassen werden.

Wir treffen auf die amerikanische Krankenschwester Emily, die einen zweiwöchigen Einsatz in den Lagern im Nord-Osten des Landes beendet. Sie berichtet von einer gefährlichen Massenpanik nach dem zweiten Erdbeben, von einem Ausbruch von Mumps und korrupten Stellen. "Damit unsere Hilfe ankommt, braucht es verlässliche Partner vor Ort", sagt sie: "Am besten ist es, direkt in den Camps und Communities zu helfen. Viele Menschen brauchen jetzt psychologische Betreuung."

Auch Chandra hilft. Er hat eine private Initiative gegründet, um seine Landsleute zu unterstützen. Wir treffen ihn in seinem Haus in einem noblen Vorort von Kathmandu. Der Nepali betreibt eine Trekking-Agentur und hat sich seit 18 Jahren der Hilfe für Bergbauern in Dhading und Langtang verschrieben. Mit Spenden hat er dort Schulen und auch ein kleines Wasserkraftwerk aufgebaut. Nun ist all das vernichtet.

"Ich bin froh, dass das Erdbeben an einem Samstag war", sagt er: "Die Kinder waren nicht in der Schule, denn das Gebäude ist völlig zerstört." Chandra hofft auf weitere Spenden, um erst die Häuser, die Infrastruktur und schließlich auch die Schulen wieder aufzubauen. "Unsere Kinder brauchen eine gute Ausbildung mit Sprachen und Computerkenntnissen, damit sie später einen Job finden", sagt er und seufzt resigniert: "Das Erdbeben hat unser Land um mindestens 50 Jahre zurückgeworfen."