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Einblicke in die Forschungsarbeit einer GEZA-Mitarbeiterin in Bildungskarenz

Impressionen zu den Themen politische Legitimität und Intern Vertriebene in Cartagena, in der Karibikregion Kolumbiens


Mag. Friedarike Santner, Programmreferentin bei der GEZA (in Bildungskarenz) ist Ethnologin und Politologin und war im Rahmen ihrer Dissertation im Fach der Politikwissenschaft “Comparative Policy Analysis on Internal Displacement in Uganda and Colombia. Which Lessons Can be Drawn for Zimbabwe?auf Feldforschung in Uganda, Simbabwe und Kolumbien.

Einige Impressionen aus Kolumbien hat sie uns mitgeteilt:

 

Die Hauptstadt von Bolívar, Cartagena, ist einer der wichtigsten Tourismusstandorte Lateinamerikas. Außerhalb seiner pittoresken, umwallten Altstadt und dem modernen Stadtteil Boca Grande mit seinen Wolkenkratzern, Nobelshops und -restaurants, sieht die Situation der Bevölkerung wenig rosig aus. 60 Prozent der Bevölkerung leben laut Acción Social, der nationalen Institution für Armutsbekämpfung und Entwicklung, unter der Armutsgrenze. Neben sogenannten „historischen” Armen gibt es eine große Anzahl von Intern Vertriebenen, vor allem Bauern und LandarbeiterInnen, die aufgrund des Konfliktes in Kolumbien in die städtischen Zentren flüchten. In ländlichen Regionen Kolumbiens hat der interne Konflikt Landnahmen und Gewalt verursacht und inzwischen über 2 Millionen Menschen intern vertrieben. Hierbei geht es vor allem um Land, natürliche Ressourcen sowie um Anbaugebiete und Transportrouten für Drogen, v.a. Kokain.

 

In Städten wie Cartagena sind durch dieses Phänomen ganze Stadtteile entstanden. Zwei davon sind Pozón und Nelson Mandela, Armenviertel am Stadtrand. Hier fehlen Jobs und somit Perspektiven für eine selbstständige Existenz. Die Bevölkerung bringt sich in marginalen Bedingungen durch, mit Gelegenheitsjobs, informellem Kleinhandel und Unterstützung von Verwandten, die eventuell einen der wenigen Jobs gefunden haben. Selten können hier drei Mahlzeiten am Tag genossen werden. Als Bauern waren die Vertriebenen es gewohnt selbstständig zu arbeiten, sich großteils selbst ernähren zu können, ausreichend Obst und Gemüse zur Verfügung zu haben. In den Armenvierteln der Städte sind vor allem für die mittlere und ältere Generation die Möglichkeiten Einkommen zu erwirtschaften kaum vorhanden.

 

Das enorme Ausmaß der Vertreibungen stellt eine riesige Herausforderung für die Sozialinstitutionen des Landes dar. Seit 1997 gibt es Gesetze und ein System zur Unterstützung der Intern Vertriebenen. In der Praxis stößt das elaborierte System jedoch bei der Umsetzung seiner Leistungen an Grenzen. Es fehlen Ressourcen, ausreichend ausgebildetes Personal und nicht zuletzt politischer Willen und Verständnis der allgemeinen Bevölkerung für die Situation der entwurzelten Bauern in den städtischen Zufluchtsregionen.Eine Konsequenz ist Korruption auch in der Vergabe von Mitteln zur Unterstützung von Vertriebenen. Viele Vertriebene können einerseits durch ihre individuelle Lage und andererseits durch Verspätungen und Ineffizienzen in den Unterstützungsleistungen auch nach einigen Jahren noch nicht wirklich Fuß fassen. Ein weitverbreitetes Problem ist Verschuldung von Personen und Haushalten. In Kombination mit kriminellen Banden, die sich aus den demobilisierten Paramilitärs entwickelt haben, ist dies eine gefährliche Kombination: Personen berichten des Öfteren von Einschüchterung, Angriffen und sogar Morden in Zusammenhang mit privaten Schuldeneintreibungen.

 

 

 

 

Desplazado (vertriebener Bauer) mit seinen Enkeln in dem Armenviertel Pozón in Cartagenas

 

 

Vertriebene Bauern bei Vereinssitzung in einem Armenviertel in Cartagena