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EINE Tragödie

Roland Neuwirth


Ballspielen ist eh lustig. Für Kinder. Das Ballischupfen habe ich im Vorschulalter durchaus  gern gehabt. Mit elf oder zwölf Jahren spielte ich dann Fußball. Aber nur im Sommer, mit den anderen Buben. Als Hernalser war ich Sportclub-Anhänger und Fan von Erich Hof. Und Erich Hasenkopf. Das hat Eindruck geschunden. Erich Hof lebt nicht mehr und Herr Hasenkopf ist schon weit über Achtzig.

Einen ehemaligen Sportclubspieler kenne ich persönlich: Roman Mählich. Er ist ein liebenswerter, witziger Mensch. Hans Krankl und Schneckerl Prohaska gefallen mir, weil sie Originale sind - nicht weil sie Fußball spielen. Von den Kickern in letzter Zeit fällt mir nur der Name Andi Herzog ein. Aber in letzter Zeit für mich, meine ich. Ich rechne ja in Dezennien. Wenn dieser Herr also auch schon in Pension ist, würde es mich nicht wundern.

Ich glaube, mit Dreizehn hat mich das Ballspielen schon nicht mehr interessiert. Gitarrespielen war mir lieber. Obwohl das ja eigentlich genauso kindisch ist. Doch als ich noch in einer Druckerei arbeitete, machten wir einmal ein Firmenmatch. Da konnte ich sogar einen Schuss an die Latte verbuchen. Es fiel kein einzige Tor. Aber die Kollegen klopften mir anerkennend auf die Schulter, als hätte ich eine Heldentat vollbracht.

Nicht, dass ich unsportlich wäre. Mit 22 trat ich einem Boxclub bei. Als Weltergewicht. Hartes Konditionstraining tat meiner Marlborough-Lunge gut. Es war ein ernst zu nehmender Sport. Etwas für echte Männer. Nach einem K.O. im Sparring und ständig wunden Knöcheln ließ ich es gut sein. Man muss ja nicht gleich übertreiben.

Sämtliche Freunde und Bekannte, darunter durchaus intelligente, gut situierte Leute, starren ergriffen auf den Bildschirm. Dort hüpfen erwachsene Männer in bunten Spielhosen auf der Wiese herum. Sie sehen es als ihre wichtigste Aufgabe an, einen Ball zu erhaschen.

Zugegeben, sie haschen manchmal recht beeindruckend, aber sie sind ja, wie gesagt, schon erwachsen.

Auch meine Freunde sind der Ansicht, dass es um ein wichtiges Ereignis geht, wenn mündige Personen einem Ball nachlaufen. Volle Konzentration. Bier rülpsend vor Aufregung verkriechen sie sich in der Sofapolsterung. Lauernd. Denn wie waidwunde Tiere heulen sie auf, wenn der Ball daneben geht. Grölend fallen sie sich um den Hals, wenn die Unseren ein Tor schießen. Schreckgeweiteten Auges sehen sie dem gegnerischen Elfmeter entgegen. Eine Welt bricht zusammen, wenn der Ball ins eigene Netz geht. Tränenerstickt schluckt der Herr Direktor sein Entsetzen hinunter. Der Herr Magister stößt einen Fluch aus. Der Herr Doktor wirft die Dose gegen die Vase. Eine Tragödie. Die Welt steht nicht mehr lang.

Doch es kann sein, dass sie mir nur etwas vorflunkern, die Herren, dass sie bloß mit dem Ball einem Trend ins Netz gehen, um anerkannt zu werden. Im toten Winkel bemerke ich einen kurzen Seitenblick in meine Richtung: Glaubst du mir das? Denn es ist ja kaum zu glauben.

Ich, der ich aus dem Gemeindebau komme, finde das seltsam. Was immer schon als Sport der Unter- und Mittelschicht galt, ist in den letzten Jahren zum bürgerlichen Hype mutiert. Die Herren finden es cool, sich zeitweilig einen Prolo-Hautguot unter die Achsel zu sprayen. Es ist unter ihresgleichen höchst angesagt, ja, eine Pflicht, sich als profunder Fußballfan zu outen. Man füttert sich gegenseitig mit Namen von Mannschaften, Spielern, Ergebnissen und Supertoren. Da kann ich einpacken. Gerade ich sollte das doch alles wissen. Ich weiß es nicht. Ich bin eine Schande für mein Milieu.

Niemand beachtet mich, als ich mich verabschiede. Niemand fragt mich, warum ich gehe – gerade jetzt, wo's drauf ankommt. Ich hätte mich es auch nicht zu sagen getraut. Ich will endlich mein Buch fertig lesen.