Inhalt
< vorheriger Artikel

Reichen wir einander jetzt die Hände

Es ist ein Bild der Zerstörung, je höher sich der Pickup die steinigen Bergstraßen hinaufwindet. Eingestürzte Häuser, Steinhaufen, Menschen in Zelten. Ein gesamtes Tal wurde dem Erdboden gleich gemacht. In den entlegenen Bergdörfern ist die Situation ungleich dramatischer.


Es sind Bergbauern, die sich als Selbstversorger von Reis, Mais und anderen Feldfrüchten ernähren. Das Erdbeben hat ihnen nicht nur ihr Zuhause, sondern auch die Möglichkeit genommen, ihre Ernte sicher durch den Monsun zu bringen. Die Leidtragenden sind vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen. Junge Männer gibt es bei unserer Ankunft im Dorf Mahankal kaum. Sie sind im Ausland oder großen Städten auf Arbeitssuche um ihre Familien zu unterstützen.

Wir entscheiden uns für ein rasches Mittagessen vor dem Field Visit: Reis, Dal und Chapati-Brot. Als wir auf der von Wellblech überdachten Terrasse sitzen, passiert es: die Erde bebt. Die Einheimischen springen sofort auf und laufen nach draußen, wir folgen ihnen instinktiv. Menschen schreien, Kinder weinen. Wir setzen uns auf den Boden, um nicht umzufallen. Von einem nahegelegenen Berggipfel geht eine Gerölllawine donnernd ins Tal. Nach dem ersten Schreck beginnen alle hektisch ihre Familien anzurufen. Der Schock sitzt tief. Und die Angst, dass ein weiteres großes Beben noch mehr Unheil anrichten könnte.

Davi Raman ist 44. Er lebt mit seiner Frau im Dorf und hat bis vor kurzem eine Lodge für Wanderer betrieben. Stolz ist er auf die beiden Söhne, die in der Stadt arbeiten. Das Erdbeben hat ihm nun alles genommen: sein Haus, seine Einkommensquelle und einen Großteil seiner Hoffnung. „Ich weiß nicht, was wir jetzt machen werden“, sagt er. Der Wasserbüffel sei beim Beben getötet worden, jetzt habe er keine Möglichkeit mehr, seine Felder zu bestellen. Viele Familien in Nepal stehen derzeit vor derselben Situation. Hilfe aus dem Ausland wird dringend gebraucht. Am dringendsten werden derzeit immer noch Zeltplanen benötigt, aber auch Haushaltsgüter und Hygiene-Pakete sind jetzt für die Menschen wichtig.

Gemeinsam mit dem internationalen Samariter-Netzwerk SAM.I und Schweizer Partnern hilft der Arbeiter-Samariter-Bund Österreichs betroffenen Familien in Nepal. Auf den Straßen begegnen uns die Menschen vielleicht deshalb mit einem Lächeln. Die Nepali sind froh, diese schwere Zeit nicht allein durchstehen zu müssen. Die lokalen Behörden und NGOs aus aller Welt arbeiten nun gemeinsam daran, bestmöglich zu helfen. Wir sind stolz, einen Beitrag leisten zu können. Und als wir später die Felsbrocken auf der Straße entdecken, die wir umfahren, wird uns eines klar: Wir müssen einander jetzt die Hände reichen.

Nachtrag: Als in der Nacht noch zweimal die Erde bebt, laufen wir aus dem Hotel nach draußen. Die Vögel kreischen die ganze Nacht wie verrückt. Und wir wissen: So fühlt es sich an, absolut schutzlos einer Naturgewalt ausgeliefert zu sein.