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Reisebericht

Der ASB Deutschland hat in den letzten Jahren schon dreimal eine Studienreise durchgeführt, um sich in anderen Ländern innovative Projekte der Freiwilligenarbeit anzuschauen. Bisher waren die Reiseziele Amsterdam, London und Bozen, wo unter anderem auch das Weiße Kreuz besucht wurde. In diesem Jahr wurde interessierten Mitarbeitern eine Reise nach Wien angeboten.


Ziel dieser Reise war es, die Arbeit des ASBÖ besser kennen lernen und daneben einige Initiativen und Projekte zu besuchen, die es speziell in Österreich gibt. Das vom ASBÖ unter der Leitung von DI Harald Steinmetz angebotene Spektrum deckte sowohl den sozialen Bereich sowie das Rettungswesen ab und gab Einblicke in die "österreichischen Besonderheiten".

 

Auszüge aus dem Tagebuch:

 

Am 1. November war es dann so weit! Nach einem gemeinsamen Mittagessen machten wir uns auf den Weg in den ASBÖ, wo uns schon am ersten Tag zwei sehr interessante Programmpunkte erwarteten:

 

Zunächst stellte uns Katarina Steindl vom Verein „Tiere als Therapie (TAT)“ ihre Arbeit vor. Hierzu hatte sie ihre dreijährige Hündin Kimba mitgebracht. Anders als beim ASB Deutschland mit seinem Besuchshundedienst, der als niedrigschwelliges Angebot gedacht ist, braucht man für eine Mitarbeit im TAT eine mindestens sechsmonatige Ausbildung. Diese ist unterteilt in einen Welpen- sowie einen Junghundekurs und einen anschließenden Kurs für erwachsene Hunde. Einsätze nach erfolgreicher Absolvierung der Ausbildung werden über den Verein vermittelt. Mittlerweile gibt es sogar einen viersemestrigen Universitätslehrgang „Tiergestützte Therapie und tiergestützte Fördermaßnahmen“. Katharina Steindl ist sehr kreativ und hatte vielfältiges Anschauungsmaterial mitgebracht, wie sie Menschen auf spielerische Art anregt und aktiviert, z.B. mit Puzzles, Memory-Spielen, unterschiedlich geformten Leckerlis für Kimba in Schraubverschlussgläsern und vieles andere. Das meiste davon hat sie in ihrer Freizeit selber erstellt und auch selber finanziert.

 

Besonders interessant war, dass TAT mit ganz unterschiedlichen Tieren arbeitet, z.B. neben Kaninchen und Hamstern auch mit Schildkröten. Nach einer Rückfrage wurde erläutert, dass diese langsamen Tieren gerade bei hyperaktiven Kindern eine gute Resonanz finden und diesen zu etwas Ruhe verhelfen können. Kimba war während der Vorstellung ihres Frauchens sehr aufmerksam und erfreute uns zum Abschluss noch mit einigen Kunststücken, die sie auch häufig zur Freude von Patienten durchführt: z.B. Zick-Zack-Gang durch die Beine von Katharina Steindl oder auf Kommando eine Rolle seitwärts durchzuführen.

 

Nach einer Kaffeepause stellte uns Günther Bahr, akademischer Experte für Krisenintervention und Stressmanagement vom ASBÖ LV Niederösterreich, das erfolgreiche Konzept zu KIT und Stressbewältigung vor. Im Rettungsdienst treten immer wieder belastende Situationen auf. Die Aufgabe der Kriseninterventionsteams (KIT) besteht darin, Unfall- oder Katastrophenopfern und deren Angehörigen psychische erste Hilfe zu leisten, sie in der Zeit unmittelbar nach dem Ereignis zu betreuen. Einsätze können auch für das Rettungspersonal psychisch belastend sein, gilt es doch, bei Unfällen und Katastrophen manchmal schreckliche Eindrücke zu verarbeiten. SvE ist Stressverarbeitung nach belastenden Einsätzen und bietet psychologische Hilfe für Einsatzkräfte „von Kollegen für Kollegen“. Die Aufgaben dieser Peers sind u.a. Prävention, Einsatzbegleitung, Einzelgespräche, Nachbesprechung, Einsatzabschluss, u. U. auch die Weitervermittlung an Psychologen und/oder Therapeuten. Die Ausbildung, um sich ehrenamtlich bei KIT und den Stressbewältigungseinheiten engagieren zu können, beträgt mindestens 80 Std. Theorie und eine anschließende ausgiebige Praxisphase. Zur Ausbildung beim ASB Deutschland finden Sie Informationen im ASB-Intranet/ Fachbereiche/Notfallvorsorge. Der erste Abend klang in einer netten Pizzeria um die Ecke des ASBÖ aus und wurde genutzt, sich etwas kennen zu lernen und Kontakte zu knüpfen.

 

Der zweite Tag startete mit einem Besuch des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) Wien. Die Universitätsklinik mit rund 2200 Betten bildet eine Stadt in der Stadt und bietet alles an medizinischer Versorgung und begleitender Infrastruktur, die man sich nur denken kann. Empfangen wurden wir vom katholischen Seelsorgeteam, das uns die Patientenbetreuung und Sterbebegleitung im AKH vorstellten. Etwas Besonderes im AKH ist die „spirituelle Meile“. Dies bedeutet, dass Andachtsräume für Katholiken, Protestanten, Juden und Muslime auf einem Flur nebeneinander liegen und der Einkehr in dem hektischen Getriebe einer Uniklinik dienen. Verbindend bei allen Glaubensrichtungen, die sich im AKH um das Wohl der Patienten kümmern, ist das starke Engagement von Freiwilligen „ ... dabei ist selbstverständlich, dass die Basis eines jeden Kontakts die Freiwilligkeit ist. Der konkrete Auftrag an die Seelsorge geht von den Kranken aus, u. U. auch von den Angehörigen oder dem Personal. Die Begleitung der zahlreichen Patienten und Patientinnen pro Jahr wäre nicht ohne ein enormes Ausmaß an ehrenamtlicher Tätigkeit bei allen beteiligten Religionsgemeinschaften möglich....“ Neben den sieben hauptamtlichen katholischen Seelsorgern gibt es noch rund zwölf ehrenamtliche Stationsmitarbeiter. Diese müssen im Vorfeld eine viersemestrige Laienausbildung durchlaufen, um anschließend in den praktischen Einsatz zu kommen. Sie erhalten eine Station zugewiesen und kommen jeweils einen Vor- oder Nachmittag pro Woche auf Station und besuchen Patienten. Diese hohe Eingangshürde erschwert es, genügend Freiwillige für den Einsatz zu finden, vor allem, da die Kosten für die Ausbildung auch selber getragen werden müssen. Neben Christine Cap, die ihr ehrenamtliches Engagement im AKH sehr engagiert vorstellte, erfuhren wir von der muslimischen Frauenbeauftragten der Stadt Wien, Andrea Saleh, noch einiges über den Besuchsdienst für islamische Patienten im AKH. Dabei sind natürlich besonders häufig auch Dolmetschertätigkeiten gefragt. Über die „Islamische Fachschule für Sozialberufe“ gelingt es immer wieder, Schülerpraktikanten auch für einen späteren Einsatz als Freiwillige zu gewinnen. Interessant war eine Gedenktafel in der katholischen Kapelle. Hier haben Menschen die Möglichkeit, Bilder und Andenken an Verstorbene zu fixieren. Diese Tafel gibt es noch nicht lange und sie wurde sogar schon vor der offiziellen Einweihung von Hinterbliebenen genutzt. Dies eröffnete eine Diskussion über die Abschiedkultur innerhalb der Einrichtungen und Dienste des ASB. Im Anschluss an diesen sehr dichten Vormittag besuchten wir den ASBÖ in der Hollergasse und erhielten eine launige Führung durch das Gebäude durch Herrn Liebhart, der schon über 30 Jahre beim ASBÖ ist. Besonders in Erinnerung geblieben ist (neben dem köstlichen Wiener Schnitzel zum Mittagessen) vor allem die eindrucksvolle Rettungsleitstelle.

 

Nach dem Mittagessen hatte der ASBÖ für uns eine Führung durch Schloss Schönbrunn organisiert. Der Nachmittag stand zur freien Verfügung, damit man auch ein wenig von der Stadt Wien in Eigenregie erkunden konnte. Zum Abendessen traf sich die Gruppe dann in einem Heurigenlokal in Nußdorf. Dabei begleitete uns auch Alfred Bichlbauer, der seit Jahrzehnten den Samaritern verbunden ist. Bei einem medizinischen Zwischenfall bei einem Gast konnte gleich ein grenzüberschreitender Einsatz von deutschen und österreichischen Samaritern geprobt werden – zur allgemeinen Zufriedenheit, auch des betroffenen Gastes.

 

Der letzte Vormittag stand ganz im Zeichen des Projektes „Samariter gehen in die Schule“. Dabei geht es um eine strukturierte Erste-Hilfe Einweisung von Kindern in der Volksschule. Die Samariter übernehmen dabei eine Art Patenschaft für die Schule und begleiten die Schülerinnen und Schüler über die vier Jahre ihrer Volksschulzeit. Zu dem Angebot gehört die Übergabe einer Erste-Hilfe Tasche, die Besichtigung eines Rettungswagens, pro Schuljahr jeweils rund zwei Unterrichtsstunden in Erster-Hilfe zum Lernen, zur Wiederholung und Ausweitung des Gelernten, nach Möglichkeit der Besuch eines Rettungshundes sowie nach jeder Einheit eine Teilnahmebescheinigung. Für dieses Angebot zahlen die Eltern zwei Euro pro Schuljahr. In der Volksschule am Carl-Prohaska Platz in Wien Favoriten erhielten wir eine plastische Einführung in den Unterricht der österreichischen Samariter bei einer vierten Klasse. Die Kinder waren begeistert bei der Sache, wussten schon einiges, ließen sich auch von dem ungewohnten Besuch aus Deutschland nicht aus dem Konzept bringen und schmetterten mit Begeisterung das Notruf-Lied, mit dem sie sich die verschiedenen Notrufnummern in Österreich gut merken können. Im anschließenden Gespräch mit dem ASBÖ-Projektleiter Peter Erdle und der Direktorin der Schule Frau Puhm wurde der gegenseitige Gewinn dieser Partnerschaft von beiden Seiten betont. Die Schule weiß sich bei den Samaritern gut aufgehoben und schätzt die regelmäßigen Besuche, die Samariter erhöhen so stetig ihren Bekanntheitsgrad und erreichen auch den Nachwuchs für ihre Organisation. So hat sich innerhalb eines Jahres eine neue Jugendgruppe gebildet, an der nun ziemlich regelmäßig rund 15 Kinder und Jugendliche teilnehmen.

 

Neben neuen Impulsen für das eigene Engagement bleibt uns diese Reise wohl lange in bester Erinnerung!

 

Ein ganz herzliches Dankeschön muss an dieser Stelle auf jeden Fall noch an unseren ASBÖ - Organisator Harald Steinmetz gerichtet werden. Inhaltlich war die Reise sehr abwechslungsreich und vielfältig geplant und auch organisatorisch hat alles bis ins Kleinste gestimmt. Sogar Sonderwünsche wurden mit einem freundlichen Lächeln kompetent und zügig umgesetzt. Dies machte die Reise so richtig „rund“.