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WIR Goliaths

Eva Rossmann


Wie schön, dass nicht alles Sinn hat. Zwanzig Männern dabei zuzuschauen, wie sie mit einem Ball über das Gras rennen und zwei Männern dabei, wie sie um alles in der Welt zu verhindern versuchen, dass dieser Ball in ihr Tor geht, hat dafür etwas Meditatives. Wobei im Unterschied zur klassischen Meditation nicht ruhige Selbstversenkung sondern laute Spontanentladung angesagt ist. Wodurch einige schon fast narrisch geworden und es geblieben sind. Frauenfußball ist anders. Das ist Sport. Männerfußball kann natürlich auch Sport sein, aber in erster Linie ist er Show. Mit Sinn nur für Wenige. Als Geschäftsmodell. Da wird mit Spielern gehandelt wie mit Kunstgegenständen, da werden Wetten verhökert, da leben Funktionäre wie Fußballgötter, zumindest solange keine Spaßverderber dazwischenkommen, die meinen, auch sie würden weltlichen Gesetzen unterworfen sein.

Wahrscheinlich habe ich Fußball, oder besser, das Fußballzuschauen, schon als Kind gemocht, weil mein Vater mit seinen Freunden aus unserem Wohnhaus, einem Bankdirektor, einem Buchhändler, manchmal auch einem Stadtrat (ja, zu Beginn der Siebzigerjahre war es noch möglich, dass solche Leute Genossenschaftswohnungen hatten) zusammengesessen ist. Da brüllte der einarmige Direktor (so kam man damals von einem Bauernhof zum Lernen, in dem man beim Arbeiten einen Arm verlor) „Der Prohaska di Kua!“ und erntete lebhaften Widerspruch von Vater, der „die Kua“ gut und den Krankl spielfaul fand. Fußballgespielt hab ich als Mädchen nie. Gab es noch nicht. Ich habe Basketball gespielt und wir saßen nach einem Match gerade im Bus, als das Wunder von Cordoba geschah. Wir haben Radio gehört. Waren mittendrin. Alle zusammen. Und ein Gedanke: Wir müssen sie putzen, die Deutschen!

Jetzt spotte ich natürlich gerne über dieses „Wir“-Gefühl, das sich einstellt, wenn WIR gewinnen und nie, wenn die verlieren. So gebe ich zu, dass ich einen meiner schönsten Fußballabende ganz allein verbracht habe. Ich hatte mir ein Haus im Weinviertel gekauft, ich war achtundzwanzig. Das einzig Bewohnbare war mein großes Bett, davor gab es einen provisorisch aufgebauten Fernseher mit uralter Außenantenne. Ich kam aus der Redaktion heim mit einer Familienpizza. Die Größe war ein Versehen, ich hatte vor, mir die andere Hälfte am nächsten Abend in der Mikrowelle zu wärmen. Die stand im Vorzimmer. Und dann Österreich gegen die Färöer-Inseln. WIR natürlich total auf Sieg eingestellt. Und der Reporter immer irritierter. Immer ruhiger. Immer wirrer. Die erste Halbzeit: Die erste Familienpizzahälfte war gegessen. Kein Tor. Ich hielt Daumen für die Färöer. Und ICH hab gewonnen: Ein Tor, an das ich mich nicht mehr erinnern kann und Fassungslosigkeit bei den Österreichern. Ich war Färöerin. Die Pizza war aufgegessen. Die Färöer dichteten dann ein Lied auf dieses Ereignis: „Die Berge und das Volk stolz stehen sie da, David stürzte Goliath.“ So leicht ist es, zum Fußball-Goliath zu werden. Selbst für Österreich. Man muss nur gegen den Richtigen verlieren.

Denkwürdig war auch das Fußball-WM-Finale 2012, das wir im sardischen Bergdorf Gavoi verfolgt haben. Dort gibt es jedes Jahr ein das schönste Literaturfestival, das ich kenne. Umgeben von zweihundert Literaturbegeisterten sahen wir auf der spontan installierten Videowall Spanien gegen Italien. Danach sollte unter anderem das Ende des Festivals gefeiert werden. Spanferkel brieten über offenem Feuer, ein riesiger Kessel war mit Lammfleisch gefüllt. Und dann ein Tor. Und noch ein Tor. Autoren und Verlegerinnen wurden immer leiser. Und noch ein Tor. Bis es vier zu null stand. Gegen Italien. Verschwitzte Hirten, die duftendes Fleisch zerteilten. Menschen, die sich gemeinsam an lange Tische gesetzt haben. Und dann zu feiern begannen. Nicht die Niederlage, sondern das gemeinsame Leben.

Natürlich werde ich bei der kommenden EM mit dabei sein. Noch dazu, wo WIR jetzt, dank Koller, dank Alaba, dank Arnautovic (dessen kreatives Deutsch ich so sehr liebe, dass gewisse feministische Vorbehalte einfach nicht durchschlagen) richtig gut sind. Vielleicht auch, weil unsere Helden eigentlich von anderswoher stammen. Wenn das kein Argument für offene Grenzen ist. WIR sind in einer einfachen Gruppe. Den Ungarn sollten wir es sowieso zeigen. Schon wegen Orban und diesem Gesocks. Island ist zwar größer als die Färöer-Inseln, aber wir sind inzwischen um Familienpizzas besser und dank Portugal haben WIR mit Cristiano Ronaldo wenigstens einen attraktiven Gegner.

Ich werde die Spiele wahrscheinlich in Buchingers Gasthaus „Zur Alten Schule“ sehen. Fußball läuft dort übrigens immer ohne Ton. Dafür darf sonst jeder seinen Senf dazugeben.