Inhalt
< vorheriger Artikel

EURO 2008: Hinter den Kulissen eines Fußballfestes

Der Samariterbund Wien informierte am 12. November im Wiener TechGate gemeinsam mit einer hochkarätigen Expertenrunde über die laufenden Vorbereitungen für die Fußball-Europameisterschaft. Gleichzeitig bot die Veranstaltung interessierten Helferinnen und Helfern aus den Reihen des Samariterbundes eine erste Orientierungsmöglichkeit über die Rahmen­bedingungen für den Einsatz bei der drittgrößten Sportveranstaltung der Welt. In Wien werden täglich – auch an den spielfreien Tagen - 60 Notärzte und rund 550 Rettungssanitäter im Einsatz sein. Durch Urlaubssperren bei den Rettungsorganisationen und beim Krankenanstaltenverbund stehen zehn Rettungsfahrzeuge mehr als gewöhnlich zur Verfügung. Entlang der Fanmeilen werden top-ausgestattete „Rettungsinseln“ eine optimale Betreuung der Besucher garantieren.


Die Welt schaut kommenden Sommer nach Wien – und bekommt dort einiges zu sehen. Denn parallel zur EURO 2008 wird sich die Bundeshauptstadt ein Monat lang in ein Festgelände der Superlative verwandeln. Dafür werden nicht nur die verschiedenen öffentlichen Public Viewing-Bereiche und zahlreiche andere Veranstaltungen sorgen - auch das Wiener Donauinselfest wird eine Woche früher als gewohnt stattfinden, um die angereisten Fans aus ganz Europa zu unterhalten.

 

Hinter den Kulissen wird seit geraumer Zeit fieberhaft daran gearbeitet, dass Wien ein rauschendes Fußballfest „ohne Nebenwirkungen“ erlebt. Besonders im Blickpunkt: Die Sanitätsbetreuung der Großveranstaltung sowie die optimale Versorgung der zusätzlichen Spitalspatienten. Wien ist auch in dieser Hinsicht anders und setzt auf die Zusammenarbeit einzelner gut funktionierender Einheiten. Der Samariterbund bereitet sich gemeinsam mit anderen Rettungsorganisationen im „Sanitätsteam Wien“ auf eine Herausforderung vor, die es hierzulande so schnell nicht wieder geben wird. Und so ganz „nebenbei“ muss auch der allgemeine Rettungsdienst in der gewohnten Qualität aufrecht erhalten werden. Dieser Kraftakt ist nur durch eine Bündelung der Kräfte und unter Mithilfe von freiwilligen Helfern zu bewältigen.

 

„Viel trinken“ und „wenig trinken“ als Hauptproblem

 

Die Wiener Experten wollen dabei vor allem von Erfahrungen profitieren, die bei der WM 2006 in Deutschland gemacht wurden. Hauptindikation bei den rund 1 Million Besuchern der Berliner Fanmeilen waren Kollapszustände – ausgelöst durch mangelnde Wasser- und exzessive Alkoholzufuhr. Rund 5.000 Hilfeleistungen waren notwendig, nur ein sehr geringer Teil der Betroffenen musste zur Weiterbehandlung in Spitäler transportiert werden. Auch Wien hofft anstatt eines Patientenansturms auf einen ähnlichen milden „Patientenwind“, wenn täglich rund 70.000 Fußballbegeisterte entlang des Rings feiern werden. Vorbereitet ist das Sanitätsteam jedoch auf so gut wie alle Eventualitäten – inkl. Dekontaminationsszenarien und Stadionevakuierungen.

 

Das bestätigte auch die Expertenrunde bei der Infoveranstaltung des Samariterbundes. „Wir ernten jetzt die Früchte unserer Arbeit der letzten 30 Jahre“, meint DGKP Peter Hoffelner, Einsatzleiter der EM 2008. „Ich bin stolz, dass in Wien alle Rettungsorganisationen an einem Strang ziehen und ihre jahrzehntelangen Erfahrungen bündeln.“

 

„In den Fanzonen finden von 7 bis 29. Juni täglich von 9 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts Veranstaltungen statt“, informierte Ing. Manfred Führer, Technischer Direktor des SMZ-Ost und Mitglied des integrierten Einsatzstabs des Sanitätsteams Wien. „Für diese Zeit werden wir je nach Besucheraufkommen Sanitätsteams mit reduzierter bzw. voller Einsatzbereitschaft bereit stellen.“

 

Freiwillige Helfer spielen tragende Rolle

 

Neben den Spitälern, Feuerwehr, Rettung und Bundesheer sind es vor allem freiwillige Helfer, die im kommenden Juni dafür sorgen werden, dass der zu erwartende Mehraufwand neben dem herkömmlichen Regelbetrieb bewältigt werden wird. OA Dr. Franz Mikulcik, Leitender Notarzt der Wiener Rettung stellte klar: „Die Bevölkerung kann sich darauf verlassen, dass die Qualität des Wiener Rettungswesens nicht unter dem Fanansturm der EM leiden wird.“ Derzeit laufen auch beim Samariterbund die Vorbereitungen, interessierte Freiwillige optimal für den Einsatz bei der EM vorzubereiten. Dazu zählt unter anderem auch ein ausgedehntes Schulungs- und Ausbildungsprogramm. Auch die Vorräte werden aufgestockt und angepasst: Quer durch alle Rettungsorganisationen ist eine Angleichung der Medikamenten- und Materialvorräte geplant. „Der Wiener Krankenanstaltenverbund füllt seine Lager sowohl für den Eigenbedarf der Spitäler, als auch für die höheren Bedarfe der Sanitätsteams“, meinte Dr. Susanne Drapalik, Leiterin der Stabsstelle „Sofortmaßnahmen“ des KAV. Die Zusammenarbeit mit dem KAV ist ein weiterer wichtiger Eckpfeiler. „Um diese Verknüpfung mit den niedergelassenen Spitälern beneidet uns so manche andere Stadt“, berichtete OAR Werner Hiller, Leiter des Dezernats für Zivilschutz, Krisenmanagement und Sicherheit der Stadt Wien. „Ich würde sogar behaupten, dass Wien hier weltweit eine führende Rolle einnehmen kann.“

 

Die Schattenseiten des Fußballs relativieren

 

Für Diskussionsstoff unter den rund 250 Besuchern im Wiener TechGate sorgte auch eine tags zuvor auf ORF ausgestrahlte Dokumentation über gewaltbereite Hooligans. Heinz Palme, Chefkoordinator der Bundesregierung und Geschäftsführer von „2008 – Österreich am Ball“ nützte den Rahmen der Infoveranstaltung, um die eindringlichen Bilder zu relativieren. „Es ist absolut der falsche Weg, Panik zu verbreiten, wobei ich auch die Rolle der Medien kritisch hinterfragen möchte.“

 

Palme, der seit den 90er-Jahren bei so gut wie jedem Fußball-Großereignis in Europa sowie bei den vergangenen fünf Weltmeisterschaften maßgeblich an der Planung und Organisation beteiligt war, kennt die Fakten: „Unter den rund 20 Millionen Besuchern der WM 2006 in Deutschland gab es 3.000 Festnahmen, 6.000 wurden in Gewahrsam genommen. Es wird bei der Europameisterschaft sicherlich Betrunkene, Rauferein und Kleinkriminalität geben, aber es liegt an uns, aufzuzeigen, dass dies nicht das dominierende Bild dieser EM sein wird. Die überwiegende Mehrheit der Besucher will und wird ein friedliches Fußballfest erleben.“ Auch hier werden Wien die Erfahrungen und Erfolge der Weltmeisterschaft in Deutschland zugute kommen.

 

Freiwillige können sich weiterhin melden!

 

Das Projektbüro zur Fußball-EM des Samariterbundes nimmt weiterhin Anmeldungen von Menschen entgegen, die als freiwillige Helfer Teil der Europameisterschaft sein wollen. Anmeldungen werden telefonisch unter Tel. 01 89 145 - 266 bzw. per E-Mail unter em2008@samariterwien.at entgegen genommen. Interessenten (Mindestalter: 17 Jahre) werden gebeten, Name, Geburts­datum, Kontaktmöglichkeiten und vorhandene Ausbildungen/Qualifikationen anzugeben. Jeder angemeldete Helfer erhält rechtzeitig vor der Fußball-EM die Möglichkeit einer Ausbildung zum Rettungssanitäter sowie spezielle Fortbildungen zur Vorbereitung auf Großveranstaltungen. Detaillierte Informationen erhält man auch auf der Homepage des Samariterbundes unter www.samariterbund.net/em2008/.

 

 

Diskussionsteilnehmer:

 

 

Dr. Susanne DRAPALIK

Wiener Krankenanstaltenverbund, Leiterin der Stabsstelle Sofortmaßnahmen

 

 

Ing. Manfred FÜHRER

Technischer Direktor SMZ-Ost, S2-Lage Integrierter Einsatzstab Sanitätsteam Wien

 

 

OAR Werner HILLER

Leiter des Dezernats für Zivilschutz, Krisenmanagement und Sicherheit der Stadt Wien

 

 

DGKP Peter HOFFELNER

Einsatzleiter Sanitätsteam EM 2008

 

 

OA Dr. Franz MIKULCIK

Leitender Notarzt, Wiener Rettung

 

 

Heinz PALME

Chefkoordinator der Bundesregierung, Geschäftsführer „2008 – Österreich am Ball“

 

 

Wolfgang KASTEL

Moderation, Geschäftsführer „Die Helfer Wiens“