Inhalt
< vorheriger Artikel

Leistbarer Wohnraum: Ein 24m2 großes Wunder

Ehemals wohnungslose Menschen und SeniorInnen leben in einem neuen Projekt des Samariterbundes Wien Tür an Tür und bereichern sich gegenseitig.


Es war der 5. August 2016", erinnert sich Johann Bauer. An diesem Tag geschah für den 60-jährigen Wiener so etwas wie ein kleines Wunder. Nach vielen Jahren auf der Straße oder in winzigen Zimmern mit wenig Privatsphäre bezieht der ehemalige Autospengler sein eigenes kleines Appartement in der Holbeingasse in Wien Favoriten. Alles in allem 24 Quadratmeter: Miniküche, Dusche, WC sowie ein Wohn-Schlafzimmer samt Loggia.

"Ich habe eine richtige Freude hier", sagt der begeisterte Hobbybastler und leidenschaftliche Sammler. Schiffs- und Automodelle, mit viel Liebe zum Detail bemalt, aufgebaut und zusammengetragen, zieren das Appartement. Johann Bauer hat sich nach einer Reihe persönlicher Schicksalsschläge wieder etwas aufgebaut und selbst geschaffen.

Die Appartements sind Rückzugsgebiete und Orte
der Ruhe. Menschen unterschiedlichen Alters und in verschiedenen Lebenslagen haben ihr eigenes kleines Reich. Die Wohnungen befinden sich in der Seniorenwohnanlage "Appartementhaus Fortuna", das vom Kuratorium Fortuna betrieben und vom Fonds Soziales Wien gefördert wird. Das Projekt "Leistbares Wohnen in der Holbeingasse" umfasst mittlerweile 30 Appartements und ist ein neuer Ansatz in der Wohnungslosenhilfe, gefördert von der Stadt Wien.

Begegnungsräume

Somit leben SeniorInnen Tür an Tür mit ehemals wohnungslosen Männern und Frauen. Bei verschiedenen Aktivitäten wie Malworkshops, Lesungen, Filmvorführungen, kleinen Feierlichkeiten sowie im hauseigenen Cafe Dani kommen die BewohnerInnen der Wohnanlage gerne zusammen und bereichern sich gegenseitig. In Begegnungsräumen wie der weitläufigen Dachterrasse mit Rundumblick über Wien, im Wintergarten oder in der Bibliothek im obersten Stock trifft man sich, redet miteinander - es hat sich eine richtige Hausgemeinschaft entwickelt.

Zweimal wöchenltich werden die ehemals Obdachlosen von einem Team, bestehend aus zwei SozialarbeiterInnen und zwei WohnbetreuerInnen des Samariterbundes Wien, unterstützt. Die mobile Wohnbetreuung bietet Hilfe in der Einzugsphase, bei Behördenwegen oder in Finanzierungsangelegenheiten. Sie helfen auch bei persönlichen Fragen und erarbeiten gemeinsam Ziele für die Zukunft. "Einer unserer Bewohner, ein 52-jähriger Mann, holt jetzt die Matura nach", erzählt Projektleiterin Daniela Krohn beeindruckt. "Ein anderer schreibt für eine Zeitschrift und restauriert Bücher, eine andere Bewohnerin verbringt viel Zeit mit der Betreuung ihrer Enkelkinder."

Neu durchstarten

Auch Christina Sehnal, 51, hat noch viel vor. Die gelernte Schneiderin arbeitete 29 Jahre als Herrenausstatterin bei Theater- und Filmproduktionen. Salzburger Festspiele, Staatsoper, Akademietheater waren ihre Welt, bis ihre Gesundheit es nicht mehr zuließ. Jetzt möchte sie mit einem eigenen Projekt noch einmal neu durchstarten.

"Ich habe zu den Senioren und Seniorinnen in meinem Stockwerk viel Kontakt, sie sind sehr nett und haben einen ähnlichen Humor wie ich", freut sich Sehnal.

"Man merkt, hier haben die Leute Spaß am Leben. Und die Mitarbeiter der mobilen Betreuung gehören überhaupt in Gold gefasst", kommt Sehnal kaum noch aus dem Schwärmen heraus. Trotzdem ist für sie eines ganz klar: "Es ist gut hier, für den Übergang. Aber mein Ziel ist eine eigene Wohnung."