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Westsahara/Projektdokumentation

Reisebericht von Projektleiterin Friedarike Santner


Das zweite Mal besuche ich die Flüchtlingslager der Westsahara in Algerien. Diese Flüchtlingslager liegen im Südwesten Algeriens, zu deren Schutz in einem Militärsperrgebiet. Die Reise hin ist recht lange. Von Algiers bis zum nahe gelegenen Flughafen bei Tindouf gibt es nur spätabends Flüge. Einige Stunden verbringt man und frau also am Flughafen in Algiers nach einer recht zügigen Anreise aus Wien via Paris.

Mir fällt immer wieder auf, dass AlgerierInnen überwiegend sehr höflich und freundlich sind. Dies noch umso mehr, wenn ich erwähne, dass wir eben auf dem Weg in Flüchtlingslager der Polisario sind, wo wir Solidaritätsprojekte unterstützen. Daraufhin ernten wir erfreute und anerkennende Blicke und Worte.

 

Zusammentreffen mit Botschaftsmitarbeitern


Etwa zwei Stunden vor Abflug treffen wir einen Mitarbeiter der saharauischen Botschaft in Algiers, der uns bei den Formalitäten für den Check-in für den letzten Teil unserer Flugstrecke behilflich ist. Er plaudert zwischendurch munter mit dem Sachbearbeiter der Fluglinie, den er natürlich kennt, ist er doch an allen Flugtagen von Algiers nach Tindouf hier. Bereits hier zeigt sich, dass die Exilregierung der Westsahara, kurz RASD genannt, die Solidaritätsbewegung sehr schätzt und BesucherInnen der Lager große Gastfreundschaft entgegen bringt – und das trotz der widrigen Bedingungen in denen die saharauischen Flüchtlinge dort leben.

 

Besuch beim elektronischen Nationalarchiv

 

Um fünf Uhr früh fallen mein Kollege Johannes Rauscher, Bautechniker von Beruf, und ich müde in unsere Betten im Casa de Protocolo, der ziemlich rustikalen Unterkunft für SolidaritätsarbeiterInnen. Einige Stunden später machen wir uns auf den Weg ins elektronische Informationsarchiv, das wir, die GEZA, unterstützen und mit Finanzierung der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit aufgebaut haben. Dort stellen wir fest, dass im Gebäude einige Verbesserungen durchgeführt worden sind. Alle MitarbeiterInnen sind bereits etwas aufgeregt, denn in einer Woche werden wir das Archiv eröffnen. Bis dahin ist einiges zu tun, letzte Aufräumarbeiten um das Gebäude herum zu tätigen und die Feier vorzubereiten.

 

Fortschritte bei der Renovierung der Volksschule

 

Die nächsten Tage vergehen schnell: Durchsicht aller Arbeitsbereiche, Besprechungen, letzte bauliche Verbesserungen.


Zwischendurch fahren wir nach El Aiuun, einem anderen Lagerstandort, und besuchen dort die 1984 mit österreichischer Unterstützung aufgebaute Volksschule.  Die RASD war an uns mit der Bitte der Unterstützung der inzwischen fälligen Renovierung heran getreten, die wir dank Genehmigung des Ansuchens, mit Finanzierung der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit durchführen können. Zusammen mit Mamoun Abied, dem lokalen Bautechniker der RASD und teils auch der Schuldirektorin, analysieren wir die baulichen Probleme und besprechen danach mit LehrerInnen der Schule welche Prioritäten und ergänzende Wünsche sie für die Renovierung haben. Benötigt wird in der Schule abgesehen von der Renovierung selbst vieles: Es fehlen Farb- und Schreibstifte, Spielzeug, Fußbälle, Musikinstrumente, Kleidung und vieles mehr, sowie auch Möbel für die LehrerInnen.

 

Am Wochenende und an den Abenden werden wir des öfteren zum Teetrinken oder zum Essen eingeladen. Johannes ist begeistert vom hiesigen Tee, einem Grüntee, der mit Kräutern mehrmals aufgekocht, meist stark gezuckert wird und üblicherweise in drei Aufgüssen aus kleinen Teegläsern getrunken wird. Es heisst, dass der erste Aufguß “bitter wie das Leben” sei, der zweite “süß wie die Liebe” und der dritte “sanft wie der Tod”.

 

Vitaminschub für Kinder

 

Maria Kaufmann, eine Kollegin in der GEZA, hat mir zwei Schachteln mit Vitaminbrausetabletten mitgegeben. Nach Rücksprache mit dem Kooperationsministerium nützen wir einen Besuch in Smara, dem mit etwa 60.000 BewohnerInnen größten Lagerstandort, dazu mit einer Ärztin eines Gesundheitszentrums zu zwei Familien mit anämischen Kindern zu fahren. Nachdem die Ärztin mit den Familien gesprochen hat und erklärt hat, weshalb wir da sind, übergeben Johannes und ich die Vitamintabletten. In der zweiten Familie ist das betroffene Kind bereits stark unterernährt, was in diesem Fall keinesfalls mit mangelder Fürsorge der Eltern zusammenhängt – der Vater erkundigt sich genau wie das Kind die Tabletten einnehmen soll und scheint sehr besorgt über den Gesundheitszustand des Kindes. Wie einige andere Kinder auch, verträgt dieses Kind die  über Nahrungsmittelhilfe in den Lagern verteilte, stark auf Getreide basierende Ernährung nicht. Aktionen wie “Ferien vom Krieg” der Österreichischen Saharauischen Gesellschaft, wobei eine bestimmte Anzahl von Kindern die Sommerferien in Österreich verbringen darf, sind für solche Kinder ganz besonders hilfreich. Sie blühen bei reichhaltigerer und auf ihre Diät angepasster Ernährung auf und gewinnen für eine Zeit an Gewicht.

Besuch in der Volksschule Smara

 

Bewegt und nachdenklich machen wir uns den Weg zur Volksschule in Smara. Sie wurde  ebenfalls Anfang der 1980er mit österreichischer Unterstützung gebaut und wir konnten sie letztes Jahr –auch mit Finanzierung der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit - renovieren. Es ist ein windiger Tag und es weht uns Sand in Augen und Ohren und überhaupt auf das ganze Gesicht und die Kleidung. Beim Anblick der Schulgebäude stellen wir fest: Unter den starken Regenfällen vom November, die auch die Lager betroffen haben, wurden ein paar Fassaden in Mitleidenschaft gezogen. Wir werden nochmals Farbe ankaufen und schicken, damit diese Stellen wieder hübsch anzusehen und vor den immer wieder extremen Wetterbedingungen gut geschützt sind.

 


Vereinte Vorbereitungen für die Eröffnung des Nationalarchivs

 

Am Nachmittag sind wir wieder im Archiv, wo die MitarbeiterInnen fleissig verschiedene Vorbereitungen für die Eröffnungsfeier treffen. Saleh Nafaa Abeid, der Archivdirektor, hat inzwischen das Schild für das Gebäude erhalten. Darauf steht auf Arabisch und Spanisch “Informationsarchiv”. Saleh hat inzwischen auch eine Fahne organisiert und der Elektriker Botalha und Johannes klettern aufs Dach, um das Schild zu montieren und probieren aus, wo und wie die Fahne am besten platziert wird. Einige Leute aus dem Archivteam und ich schauen von unten zu und wählen die schönste Stelle aus. Im Haus überlegen wir, wo die Bilder am besten aussehen und dekorieren den Raum.

 

Am nächsten Tag ist nachmittags die Eröffnungszeremonie angesetzt. Wie auch die RASD haben auch wir das Event, beim Teetrinken, beim Essen und in der Unterkunft, eifrig beworben. Obwohl zugleich Kulturaktivitäten in den befreiten Gebieten und einem anderen Lagerstandort, Awserd, stattfinden, kommen viele Gäste.

 

Feierliche Eröffnung mit der Bildungsministerin und Kooperationsminister

 

Zusammen mit dem Kooperationsminister, der Bildungsministerin und dem Vize-Sekretär des Informationsministeriums begrüße ich die MitarbeiterInnen des Archivs. Wir gehen die Stufen des Eingangs des Archivs hinauf. Hinter einem Band stehen ein Mädchen und ein Bub und bieten uns – wie traditionell bei Besuchen in der Westsahara üblich - Datteln und Kamelmilch an. Nachdem wir beides gekostet haben, durchschneiden die Bildungsministerin und ich das Band vor der Tür des Archivs. Danach treten wir ein und folgen Saleh, der uns und die uns folgenden Gäste, durch das Archiv führt und, zusammen mit den jeweiligen SachbearbeiterInnen, alle dessen Arbeitsbereiche vorstellt.

 

Nach diesem Rundgang setzen wir uns an eine Tischreihe vor den anwesenden Gästen und die Ehrenreden erfolgen, auf Spanisch und Arabisch, jeweils übersetzt in die andere Sprache.

 

Danach wird das Buffet eröffnet, wobei hauptsächlich Süßigkeiten angeboten werden. Nach einer Zeit des Plauderns mit den Gästen kehrt wieder Ruhe ein. Die Gäste gehen, das Archivteam und wir räumen auf und organisieren unsere interne Feier, zur Belohnung für die gute Vorbereitung der Eröffnung und auch zum Abschied, da Johannes und ich morgen nach einigen Endbesprechungen abreisen werden.